Die Evolution der Gewalt - Warum wir Frieden wollen, aber Kriege führen. Eine Menschheitsgeschichte

Auszug aus Die Evolution der Gewalt - Warum wir Frieden wollen, aber Kriege führen. Eine Menschheitsgeschichte (Harald Meller / Kai Michel / Carel van Schaik, dtv, München 2024)

 

Das evolutionäre Fundament

- Wie wir Menschen wurden

 

… Auf rund 300000 Jahre vor heute werden die Anfänge des Homo sapiens angesetzt. Das Bündel der Innovationen, die sich maßgeblich der Sprache verdankten, half den anatomisch modernen Menschen, ihren Lebensstil zu perfektionieren. Es gibt Hinweise auf dichtere Populationen, einschließlich der spezialisierten Nutzung einer größeren Vielfalt an Ressourcen. Auf jeden Fall waren sie gegenüber jenen Homininen im Vorteil, die Afrika lange zuvor verlassen hatten. Denn als auch die modernen Menschen Afrika vor wohl 70000 Jahren verließen und auf  die Nachkommen einer früheren Auswanderungswelle trafen, war das Ergebnis asymmetrisch: Unsere Vorfahren machten das Rennen. Die beiden anderen Linien, Neandertaler und Denisovaner, die auch schon über Sprache verfügten, verschwanden oder gingen durch Vermischungen in unserer Linie auf. 

 

Die Vertreter des Homo sapiens waren zu Allround-Jägern und Sammlern geworden, die weiterhin ihre nomadische Lebensweise pflegten. Sie blieben kaum mehr als einige Wochen an einem Ort. Äußerst geschickt nutzten sie die jeweils saisonal an einem Ort vorhandenen Ressourcen aus. Wo solche im Überfluss vorhanden waren, verweilten sie auch schon mal für einige Monate. 

 

Wie groß die Gruppen waren und wie sie sich organisierten? Als Anhalt dürften ethnografische Befunde dienen: Mobile Jäger und Sammler-Gemeinschaften sind auf mehreren Ebenen organisiert. Die lokale Gruppe wird im Englischen auch als »Band« bezeichnet und besteht aus einer Reihe von Familien und Verwandten, aber auch nicht verwandten Einzelpersonen. Die durchschnittliche Größe solcher Gruppen beträgt circa 25 Individuen. Diese Bands sind wiederum in einem Netz von vertrauten anderen Gruppen organisiert, und die Menschen können recht einfach von einer Gruppe in eine andere wechseln. In guten Zeiten kommen diese sogenannten »Macro-Bands« oder »Communities« gelegentlich zusammen, um Feste zu feiern, gemeinsame Rituale zu begehen und Beziehungen aller Art zu knüpfen. Sie sprechen dieselbe Sprache, sodass die Macro-Bands eine ethnolinguistische Einheit darstellen. Manchmal existiert eine dritte Ebene, eine lose Konföderation verbündeter Communities mit der gleichen oder sehr ähnlichen Sprache, die oft auf gemeinsame Ursprünge zurückgeht. 

 

Für Frauen und Männer galt inzwischen noch ausgeprägter das, was wir bereits thematisiert haben: Sie besaßen grundsätzlich unterschiedliche Ökologien, waren also auf verschiedene Sphären der Umwelt spezialisiert. Beide Geschlechter trugen ihren Anteil zum Gruppenunterhalt bei, keines konnte ohne das andere auskommen. Entsprechend egalitär gestalteten sich die Geschlechterbeziehungen. Die Nahrung wurde systematisch innerhalb der Familien, aber auch unter allen  Mitgliedern der jeweiligen Gruppe geteilt. Die gute, flexible Koordination aller Aktivitäten stellte das Überleben selbst unter den schwierigsten Bedingungen sicher. Homo sapiens besiedelte bis auf die Antarktis jeden Kontinent, manche früher (Australien vor rund 65000 Jahren), manche später (Amerika vor etwa 20000 Jahren). 

 

Dieses Leben als nomadische Jäger und Sammler bestimmte rund 99 Prozent der menschlichen Evolution. Wie sich das nach dem Ende der letzten Eiszeit änderte und immer mehr Menschen begannen, ein sesshaftes Leben zu führen und ihre Nahrung selbst zu produzieren, werden wir später anhand der Archäologie genau betrachten. Schließlich handelt es um eine entscheidende Zäsur in der Evolution der Gewalt. * Welche Konsequenzen hat das beschriebene Dasein für Menschen? Bei allen Tieren, die auf eine bestimmte Art ihren Lebensunterhalt bestreiten und ein daran angepasstes soziales Leben führen, geht das mit der Ausbildung einer korrespondierenden Psychologie einher. Wir nennen das die Natur der jeweiligen Art. Zwar war es lange Zeit populär anzunehmen, die Menschen seien die einzige Tierart, für die das nicht gelte, doch war das vor allem Produkt des eingangs beschriebenen Evolutionstabus. Aus Angst vor biologischem Determinismus setzte man alles auf die Karte Kultur: Menschen kämen als unbeschriebenes Blatt Papier zur Welt, Erziehung sei alles. Doch dieses Entweder-Oder ist längst durch eine differenziertere Sicht ersetzt worden. Die Antwort auf die alte Frage »Kultur oder Natur?« lautet: beides natürlich, und zwar interaktiv! 

 

Die Natur des Menschen, das sind unsere Emotionen, Intuitionen und psychischen Reaktionen, die sich als Anpassungen an die ökologische und soziale Nische entwickelt haben, welche unsere Entwicklungsgeschichte bestimmte. Die Verhaltensweisen, die erforderlich waren, um das Gruppenleben als Jäger und Sammler aufrechtzuerhalten, können nicht alle rational auf der Basis einer nüchternen Analyse der aktuellen Bedingungen getroffen werden. Das wäre zu zeitaufwendig und fehleranfällig. Deshalb hat sich im Laufe von Jahrtausenden ein  ganzes Set an Prädispositionen entwickelt, die auf der alten Primatenpsychologie basieren und uns helfen, in typischen Situationen schnell und für unsere Mitmenschen verlässlich zu reagieren. Sie sind universell vorhanden, wenn auch individuell unterschiedlich ausgeprägt. 

 

In früheren Büchern haben wir das die erste Natur des Menschen genannt. Denn beim Homo sapiens spielt das kulturell Gelernte eine ebenso wichtige Rolle, also alles das, was uns in Kindheit und Jugend zur zweiten Natur geworden ist. Wäre es anders, wären wir wirklich durch unsere Biologie festgelegt, müssten Menschen überall und zu allen Zeiten das immer gleiche Verhalten an den Tag legen. Das Besondere an dieser kulturell geprägten, zeitlich und örtlich aber unterschiedlichen zweiten Natur ist, dass sie den Menschen als ganz natürlich erscheint. Eine der zentralen Fragen dieses Buches wird also sein: Wie tief ist der Krieg in die Natur des Menschen eingeschrieben? In die erste, die biologische? In die zweite, die kulturelle? Oder in beide? * 

 

Machen wir uns an eine erste Bestandsaufnahme der menschlichen Natur, insofern diese durch die hier skizzierten Prozesse der Evolution geprägt wurde. Zentral dabei ist vor allem ein Umstand: Nomadische Jäger und Sammler können keine Lebensmittel lagern und besitzen ebenso wenig eine üppige Ausrüstung. Abgesehen von Kleidung, Schmuck, Waffen und Werkzeug gibt es kein Privateigentum. Immerhin wechselt man mindestens ein halbes Dutzend Mal im Jahr das Lager und muss alles über größere Entfernungen transportieren. Wo nötig, packen sie Winterkleidung zu einem Bündel zusammen und hängen es in die Bäume. 

 

Dass trotz fehlender Vorräte niemand hungern muss, liegt an einem ausgeklügelten System des Teilens. Schließlich sind jeder Einzelne und jede Familie irgendwann auf die Hilfe anderer angewiesen: wenn Einzelpersonen Pech beim Sammeln oder der Jagd haben, krank oder verletzt sind, und Familien, wenn sie mehrere Kinder in einem Alter haben, in dem diese viele Kalorien benötigen, sie aber noch nicht selbst beschaffen können. Allein sich gegenseitig aushelfend und unterstützend können sie überleben. 

 

Die gegenseitige Fürsorge bezieht sich aber nicht nur auf die Ernährung, sondern auch auf die Kindererziehung. Einzigartig unter den Primaten der Alten Welt sind wir Menschen zu »Cooperative Breedern« geworden: Wir ziehen unseren Nachwuchs gemeinsam auf. Bei Menschen erhalten Frauen Unterstützung von Vätern, ihren Müttern, Geschwistern und auch von heranwachsenden Kindern. Und das sogar von anderen nicht Verwandten im Lager, insbesondere Frauen, die dann wiederum Hilfe bei der Pflege und Ernährung ihrer Kinder oder der Kinder ihrer Verwandten erhalten. Es existiert also ein feingewebtes Netz ebenso vielfältiger wie langfristiger Verpflichtungen, die ständig aktualisiert werden. Schulden entstehen und werden zurückgezahlt. Wir alle haben noch ein feines Sensorium, wie es um die Beziehungen zu unseren Mitmenschen bestellt ist, wer uns noch einen Gefallen schuldet und bei wem wir uns revanchieren müssen. In kleinen Gruppen funktioniert das bestens. 

 

Da die Schimpansen, mit denen wir einen gemeinsamen Vorfahren teilen, oft als Belastungszeugen dafür bemüht werden, dass unsere Vorgeschichte blutrünstig gewesen sein muss, sei hier bereits der kurze Verweis erlaubt, wie grundlegend anders sie in dieser Hinsicht sind. Nahrung mit anderen zu teilen, geschieht bei Schimpansen höchstens im Ausnahmefall. Zudem ist bei ihnen allein die Mutter für ihr Kind zuständig. Weibchen greifen zuweilen sogar andere Mütter an, um sie zu vertreiben. 

 

Bei Menschen dagegen ist Teilen die Lebensversicherung der Steinzeit. Das Verschenken von Nahrung oder tatkräftige Hilfe mögen wie uneigennützige, bedingungslose Großzügigkeit aussehen, und die bewusste Grundhaltung ist oft auch die eines Drangs zum Teilen ohne Hintergedanken. Menschen empfinden tatsächlich Glück beim Schenken. Doch auch das liegt in unserer Natur: Jede Gabe verlangt eine Gegengabe: »Wenn ich mit dir teile, tue ich das, weil ich weiß, dass du dich revanchieren wirst.« Reziprozität, das Prinzip der Gegenseitigkeit, ist ein Kernelement der menschlichen Psychologie. Geben und Nehmen müssen im Gleichgewicht stehen. Positive Handlungen sind mit positiven Handlungen zu erwidern und – das ist in Bezug auf Gewalt wichtig – negative Aktionen mit negativen. Entsprechend ist ein Sinn für Fairness, also für die Balance und Reziprozität sozialer Beziehungen, eine menschliche Universalie. * 

 

Abgesichert wird dieses System dadurch, dass alle in einer Gruppe unter gegenseitiger Beobachtung stehen. Die Menschen halten Ausschau nach Anzeichen von Egoismus bei anderen, und Normverstöße werden von der gesamten Gemeinschaft sanktioniert. Das möchte jeder vermeiden, weil es dem eigenen Ruf schadet. Der ist überlebenswichtig. Eine gute Reputation zu haben, entscheidet darüber, ob man in Not Hilfe erhält. Jeder eigene Verstoß, der von anderen beobachtet wird, schadet hingegen dem Ruf, und es kann viele gute Taten erfordern, um das wiedergutzumachen. 

 

Niemand kann allein überleben, deshalb steht die Gruppe an erster Stelle. Daher ist Konformismus wichtig, weil viele Entscheidungen gemeinsam getroffen und die entsprechenden Schritte der Umsetzung zusammen geplant und beschlossen werden müssen. Man fühlt sich gut, wenn das funktioniert. Folglich weist die menschliche Psychologie einen starken Zug, wenn nicht gar Zwang zum konformistischen Verhalten auf. Menschen registrieren sehr genau, wie die anderen sich verhalten, und passen dann ihr eigenes Verhalten an. Und sie registrieren abweichendes Verhalten und bewerten das nicht nur, sondern sind auch bereit, es zu bestrafen. 

 

Die Existenz als Jäger und Sammler basiert auf der allgemeinen Anerkennung der grundlegenden Gleichheit und Autonomie jedes Einzelnen. Gruppen haben keine Anführer, obwohl das Wort mancher Individuen schwerer wiegen kann, weil sie älter, erfahrener oder in dieser oder jener Hinsicht talentierter sind. Nomadische Jäger und Sammler sind strikt egalitär organisiert. Deshalb sind sie auch grundsätzlich zu unterscheiden von sesshaften Jägern und Sammlern, die frühestens vor 30000 Jahren an besonders ressourcenreichen Orten auftraten. Letztere bauen nichts an und halten kein Vieh, aber leben in Dörfern. Sie werden oft als »komplex« bezeichnet, weil sie über Besitz verfügen und erste Formen sozialer Segmentierungen aufweisen, und sind gänzlich anderen sozialen Logiken unterworfen. 

 

Mobilen Jägern und Sammlern ist es zuwider, von anderen herumkommandiert zu werden. Eine Analyse ethnografischer Berichte über ihren Alltag durch Christopher Boehm ergab: Immer dann, wenn jemand begann, andere gegen ihren Willen zu Dingen zu zwingen oder zu schikanieren, bildete sich eine Koalition und wies den Dominator in die Schranken. Erst durch Witze und Spott; wenn das nicht funktionierte, griff man zu rabiateren Maßnahmen. Das gipfelte im Ausschluss, in extremen Fällen sogar in der Eliminierung des Egomanen. 

 

Die Psychologie, die diesen auf gegenseitiger Abhängigkeit beruhenden Lebensstil ermöglicht, hat dazu geführt, dass manche Anthropologen den Menschen als das normative Tier beschreiben. Wir müssen nicht nur selbst bereit sein, Gutes zu tun, ohne von anderen dazu aufgefordert zu werden. Wir überwachen auch immer die anderen, um eine Aushöhlung der Zusammenarbeit zu verhindern. Ansonsten breiten sich rasch Unwillen und Uneinigkeit aus, sodass die Zusammenarbeit in der Gruppe kollabiert. Da das Überleben aller von deren Funktionieren abhängt, dreht sich ein Großteil der Gespräche abends am Lagerfeuer sowie der Geschichten, die sich die Menschen erzählen, um moralische Fragen. 

 

Die Verpflichtung zum Teilen und Helfen erstreckt sich auch auf andere Gruppen innerhalb des Gemeinschaftsnetzes und mitunter sogar über die Communities hinaus. Damit wird der aus unserer heutigen Perspektive auffälligste – und für dieses Buch zentrale – Aspekt des Lebens von Jägern und Sammlern verständlich: Offen ausgetragene Konflikte innerhalb von Communities (also sowohl innerhalb von Gruppen als auch zwischen Gruppen desselben Netzwerks) sind selten. Alle profitieren von der gegenseitigen Solidarität. Jeder, der dagegen aufbegehrt oder torpediert, hat viele gegen sich, da er das Überleben aller gefährdet. 

 

Selbst in modernen, kriegsdominierten Zeiten erwartet man nicht, dass Menschen sich innerhalb von Gemeinschaften wie Verwandtenkreisen an die Gurgel gehen. Tatsächlich sind wir eine der wenigen Spezies, bei denen ungezügelte Aggression im innerartlichen Zusammenleben kaum vorkommt und bei der andere, unbeteiligte Gruppenmitglieder einschreiten würden, um den Kampf zu schlichten. 

 

Um keinen falschen Eindruck zu erwecken: Auch unter Jägern und Sammlern gibt es Auseinandersetzungen. Was für die Gruppe gut ist, liegt längst nicht immer im Interesse aller Beteiligten. Auch gibt es Differenzen darüber, ob eine Schuld schon beglichen ist oder nicht. Zudem bieten sexuelle Angelegenheiten Konfliktstoff – auch wenn das weniger häufig als zu späteren Zeiten der Fall ist, da Gruppen weder patriarchal noch Paarbeziehungen lebenslang angelegt sind. Da zudem kein nennenswertes Privateigentum existiert, gibt es weniger Grund zum Streiten. Trotz allem kommt es gelegentlich zu Gewalt und mitunter auch zu Mord. Ebenso gehören auf der höheren Ebene der Communities und der ethnolinguistischen Einheiten Spannungen dazu, trotz der Vorteile eines allseits produktiven Austausches. 

 

Generell haben Menschen Schwierigkeiten damit, ihre Artgenossen zu töten – und zwar mehr noch, als das bei anderen Arten der Fall ist. Tötungshemmungen unter Tieren sind adaptiv, also vorteilhafte evolutionäre Anpassungen. Ansonsten würden schon kleine Konflikte schnell tödlich enden. Insbesondere bei einer so kooperativen Art wie der unseren ist reduzierte Aggression von Vorteil. Umso mehr drängt sich die Frage auf, wie eine im Vergleich mit Schimpansen doch recht nette Affenart wie der Homo sapiens so sehr auf die schiefe Bahn geraten konnte, dass auch am Anfang des 21. Jahrhunderts die Selbstauslöschung allen menschlichen Lebens eine Option bleibt. Dafür starten wir nun mit den Tieren, um ein tieferes Verständnis von Aggression und Gewalt zu gewinnen. Da auch Menschen Primaten sind, ist von einer grundlegenden Kontinuität auszugehen. ...

 

Kriegspsychologie  

… 

Wir sind also nicht kooperativ geworden, weil wir Kriege führen. Wir können Kriege führen, weil wir höchst kooperative Tiere sind. Menschen besitzen eine ganze Reihe psychologischer Eigenheiten, die unter bestimmten Umständen oder durch gezielte Manipulation dazu führen, dass der Krieg doch Gewalt über uns gewinnen kann. Folglich existiert keine eigenständige durch den Krieg geformte Kriegspsychologie, wohl aber eine Reihe evolutionärer Anpassungen, die sich unter bestimmten Umständen leicht zur kollektiven Gewaltausübung rekrutieren lassen. Deshalb wollen wir keinesfalls ausschließen, dass es in der Evolution gelegentlich zu einzelnen einschneidenden, gewaltvollen Perioden kam, in denen solche Dispositionen höchst adaptiv waren. 

Hier zeigt sich der Vorteil der von uns favorisierten Definitionsweise, den Krieg als Komplex zu verstehen, der aus einzelnen Komponenten besteht, die unterschiedlichen Alters und Ursprungs sind. Vieles ist späte kulturelle Ausgestaltung. Manches aber auch altes Primatenerbe. Stellen wir nun die wichtigsten Charakteristika der menschlichen Psyche und des Sozialverhaltens vor, die für die Evolution der Gewalt entscheidend sind. Es handelt sich um Charakteristika dessen, was wir die erste Natur nannten, sie sind Teil der evolutionären Grundausstattung des Homo sapiens und begleiten uns deshalb noch heute. 

 

Freund-Feind-Denken 

 

Die Entdeckung des Wir kann als Meilenstein unserer Evolution betrachtet werden. Niemand konnte allein überleben, die Gruppe stand über allem. Sie tat ihrerseits alles, die Kooperation gegen Egoisten, Alphas und Trittbrettfahrer zu schützen. Kein Individuum darf über der Gemeinschaft stehen. Diese Überhöhung der Gruppe verstärkte die gruppeninterne Voreingenommenheit. Wir halten uns gerne für etwas Besseres als die anderen.   Die Ethnografie kennt weltweit unzählige Beispiele von Gruppen, Stämmen, Ethnien, die sich selbst als »Menschen« oder »wahre Menschen« bezeichnen. Schon 1929 hat der Ethnologe Maurice R. Davie eine lange Liste an Beispielen vorgelegt: Untersucht man die Namen, die sich diese selbst geben, »so stellt man fest, dass die meisten von ihnen einfach ›Menschen‹ bedeuten, was impliziert, dass ›wir allein Menschen sind‹, dass die anderen etwas anderes sind, vielleicht nicht definiert, aber keine wirklichen Menschen«. Die Konstruktion des Wir geht mit einer Abgrenzung nach außen einher, die Aufwertung der eigenen Gruppe mit der Abwertung der anderen. Das schlägt leicht in Freund-Feind-Denken um. 

 

Davie führt weiter aus: »Diese Tendenz von Gruppen, sich im Vergleich zu anderen zu erhöhen, ist keineswegs auf weniger entwickelte Völker beschränkt. Die Hebräer zum Beispiel teilten die gesamte Menschheit in sich und die Heiden ein; sie waren das ›auserwählte Volk‹. Die Griechen und Römer nannten alle Außenseiter ›Barbaren‹. Das Wort Deutsch bedeutete ursprünglich ›Volk‹. Die Lappen bezeichnen sich selbst als ›Menschen‹ oder ›menschliche Wesen‹. Die Araber betrachten sich selbst als die edelste Nation und alle anderen als mehr  oder weniger barbarisch.« Und er zieht die Linie weiter bis in seine Gegenwart: »Jeder Staat sieht sich selbst als den Führer der Zivilisation, als den besten, freiesten und weisesten und alle anderen als minderwertig. Nationaler Stolz und Patriotismus können leicht zu Größenwahn, Hurrapatriotismus und arroganter Verachtung für alle Außenseiter führen.« Davies Fazit: »Solange der Ethnozentrismus vorherrscht, wird der Frieden die Ausnahme und der Krieg die Regel sein.«   Das vielleicht stärkste Argument für eine tiefe Verwurzelung von Konfliktsituationen in unserer Evolution: Diese Voreingenommenheit gegenüber der eigenen Gruppe kann leicht durch die Simulation eines Wettbewerbs hervorgerufen werden. Experimente zeigen, wie lächerlich einfach es ist, die Tendenzen des »Wir gegen die anderen« auszulösen. Menschen, die sich vorher nicht einmal kannten, erleben aufgrund eines willkürlichen Merkmals wie eines gleichfarbigen T-Shirts erstaunlich schnell ein Gemeinschaftsgefühl, wenn sie in einen Wettbewerb mit anderen treten. Es kommt zum Schulterschluss, wie er typisch ist, sobald sich eine Gruppe bedroht fühlt, und der mit einer latenten Feindseligkeit gegenüber anderen einhergeht. Das Gruppenbewusstsein schlägt nur allzu leicht in Lagerdenken um. 

 

Auch hier scheint der alte Affe in uns aktiv zu sein: Erinnern wir uns an Jane Goodalls Beispiel, bei dem sich eine Schimpansengruppe aufspaltete und aus ehemaligen Freunden Todfeinde wurden. Eine ähnliche rigorose Härte gilt aber auch für Menschengruppen, die jene aus ihren Reihen ausschließen, die den Gruppenzusammenhalt sabotieren. Die Sozialpsychologie hat schon lange damit einhergehende Mechanismen beschrieben wie etwa die »Fremdgruppenhomogenisierung«: Die Vielfalt der anderen wird nur allzu leicht auf das Signet »Gegner« oder »Feind« reduziert. Der Anthropologe Claude Lévi-Strauss betonte, dass Gegensätze wie Freund-Feind oder Gut-Böse für Menschen besonders »leicht zu denken« sind. 

 

Zusammenstehen

 

Steht die eigene Gruppe über allem, erklärt sich eine typische Verhaltensweise im Zusammenhang mit Krieg fast von selbst: die reflexartige Solidaritätsreaktion, wenn Menschen sich existenziell bedroht fühlen. Sie vergessen ihre Differenzen, schließen die Reihen und sind bereit, alles zur Verteidigung zu unternehmen. Auch hier: Hinter der gemeinsamen Sache hat das individuelle Interesse zurückzutreten. 

Wir haben es mit einem typischen Reaktionsmuster zu tun, das mit Richard Wrangham als »reaktive Aggression« zu beschreiben ist: Es handelt sich um eine »unmittelbare Antwort auf eine unmittelbare Bedrohung«, die mit starken Emotionen verbunden ist. Der Überlebenswert liegt auf der Hand: Sobald man sich einer Gefahr gegenübersah, musste sofort die Verteidigung erfolgen oder die Flucht ergriffen werden. All jene, welche die Situation sorgfältig analysierten und ausdiskutierten, sind nicht unsere Vorfahren geworden. 

Die Wurzeln solchen Verhaltens reichen in die allerfrüheste Vorzeit zurück. Das auslösende Moment müssen nicht einmal Angriffe von Vertretern der eigenen Art sein, allein die Bedrohung durch Raubtiere genügt. Wir haben es beschrieben: Unsere Vorfahren lernten in der offenen  Savanne zu überleben und sich gemeinsam gegen Raubkatzen, Hyänen und anderes wenig menschenfreundliches Getier zur Wehr zu setzen. Dazu bedurfte es eines unbedingten Zusammenstehens (»rally ’round the flag«) und des festen Willens, sich mit Stöcken, Steinen und allem, was sonst noch so greifbar war, zu verteidigen. Solche Bedrohungen gehörten bis weit in historische Zeiten zum menschlichen Alltag. Deshalb besitzen Menschen eine angeborene Verteidigungspsychologie, die immer auch die Option Flucht beinhaltet. Dieses Gefühl der Gefahr kann auch empfunden werden, selbst wenn keine konkret erfahrbare Bedrohung vorhanden ist. Wo es bereits zu Konflikten kam, muss man stets gegen eine Attacke gewappnet sein. Andere könnten sich rächen. Dieses Gefühl ist weniger affektiv, aber latent vorhanden. Und es ist leicht zu instrumentalisieren. 

 

Anführer

 

Immer wieder haben wir die Egalitarität der Jäger und Sammler betont. Da überrascht die Bereitschaft, dass Menschen sich in Zeiten der Not leicht einem Anführer unterordnen. Ethnografische Jäger und Sammler-Studien berichten, dass jene, die gewöhnlich jeden in die Schranken weisen, der versucht, sie herumzukommandieren, in bedrohlichen Situationen bereit sind, Anführer zu ernennen, welche die Gruppe dirigieren und schnelle Entscheidungen treffen. Der Grund liegt auf der Hand: Eine Gruppe, die das nicht tut, würde immer noch darüber palavern, was das Beste ist – etwas, das sie in Friedenszeiten oft und lange macht –, und so von besser organisierten Feinden überrannt oder besiegt werden. Wird die Gefahr gemeistert, gewinnt der Anführer hohes Ansehen. Aus diesem Grund muss er sich anschließend wieder in die Gruppe einordnen. Man tut alles, um das Entstehen von Machtkonzentrationen zu verhindern. 

 

Entsprechend besteht bei Menschen die latente Bereitschaft, in Krisen einem Anführer zu folgen. Hier liegt das Potenzial für die charismatischen Führer, von denen Max Weber als einer ersten Form von Herrschaft sprach. Sie dominieren durch ihre Ausstrahlung und Kompetenz, die ihnen die Aura verleiht, besser als andere zu wissen, was in der Not zu tun ist. Auch das also eine evolutionäre Lektion: In Krisenzeiten haben sich als Auserwählte gebärende Autokraten leichtes Spiel.

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