BIG HISTORY

David Christian, Big History: Die Geschichte der Welt - Vom Urknall bis zur Zukunft der Menschheit

 

... Alle Ursprungserzählungen vereinheitlichen Wissen, sogar diejenigen nationalistischer Geschichtsschreiber. Die umfassendsten von ihnen führen uns durch viele Zeiträume und konzentrische Kreise der Erkenntnis und der Identität – vom Selbst zur Familie und zur Sippe, zur Nation, zur Sprachgruppe oder Religionszugehörigkeit, zu den riesigen Kreisen der Menschheit und des Lebens und schließlich zu der Vorstellung, dass wir Teil eines ganzen Universums oder Kosmos sind. Doch in den letzten Jahrhunderten haben vermehrte interkulturelle Kontakte gezeigt, wie tief Ursprungsgeschichten und Religionen in lokalen Traditionen und Umwelten verwurzelt sind.


Deshalb hat die Globalisierung und Verbreitung neuer Ideen den Glauben an traditionelles Wissen untergraben. Selbst wahre Gläubige begannen zu erkennen, dass es viele unterschiedliche Ursprungsgeschichten gibt. Gelegentlich reagierten die Menschen mit aggressiver, sogar gewalttätiger Verteidigung ihrer religiösen, tribalen oder nationalen Traditionen. Doch viele verloren einfach ihre Religion und Überzeugung und mit diesen ihre innere Orientierung, das Wissen um ihre Stellung im Universum.

 

Dieser Verlust des Glaubens ist eine Erklärung für die weitverbreitete Anomie, das Gefühl von Ziel- und Sinnlosigkeit und sogar Verzweiflung, das im 20. Jahrhundert Literatur, Kunst, Philosophie und Geisteswissenschaft so nachhaltig prägte. Vielen bot der Nationalismus ein Gefühl der Zugehörigkeit, doch heute, im Zeichen einer global vernetzten Welt, ist unübersehbar, dass der Nationalismus die Menschheit trennt, mag er die Bürger eines bestimmten Landes auch vereinen. Ich habe dieses Buch in der optimistischen Überzeugung geschrieben, dass wir Menschen der Moderne nicht zu einem chronischen Zustand der Zersplitterung und Sinnlosigkeit verurteilt sind. Heute bildet sich eine neue, globale Ursprungsgeschichte heraus, die genauso sinnhaft, ehrfurchtgebietend und geheimnisvoll wie jede traditionelle Ursprungsgeschichte ist, sich dabei aber im Unterschied zu diesen auf viele moderne wissenschaftliche Erkenntnisse einer großen Zahl von Disziplinen stützt. Diese Geschichte ist keineswegs vollständig und bedarf der Ergänzung durch ältere Ursprungsgeschichten, aus denen wir lernen können, wie man gut und nachhaltig lebt. Aber sie hat ihre Daseinsberechtigung, weil sie sich auf ein globales Erbe sorgfältig überprüfter Informationen und Erkenntnisse beruft und weil sie die erste Ursprungsgeschichte ist, die menschliche Gesellschaften und Kulturen unseres ganzen Planeten berücksichtigt. Sie ist ein kollektives und globales Projekt, eine Geschichte, die in Buenos Aires genauso wie in Peking, in Lagos genauso wie in London Gehör finden dürfte. Heute haben sich viele Wissenschaftler und Forscher der faszinierenden Aufgabe verschrieben, diese moderne Ursprungsgeschichte zu entwickeln und zu erzählen. Dabei bemühen sie sich, dass ihr Werk, wie alle anderen Ursprungsgeschichten, ein Gefühl der Orientierung und Gemeinsamkeit vermittelt, nur eben für die globalisierte Welt von heute.

Ab 1991 verwendete ich den Begriff Big History4 – »Große Geschichte« oder Gesamtgeschichte. Erst als das Projekt allmählich Gestalt annahm und Nachahmer fand, wurde mir bewusst, dass ich versuchte, die Grundrisse einer globalen Ursprungsgeschichte herauszuarbeiten. Heute wird Gesamtgeschichte an Universitäten in vielen verschiedenen Teilen der Welt gelehrt, und durch das Big History Project mittlerweile auch an vielen Schulen unterrichtet. Wir werden dieses neue Verständnis der Vergangenheit brauchen, um uns den enormen Herausforderungen und Chancen des 21. Jahrhunderts gewachsen zu zeigen. Das vorliegende Buch ist mein Versuch, eine aktualisierte Version dieser gewaltigen, komplexen, schönen und beflügelnden Geschichte zu erzählen. ...

 

Eine moderne Ursprungsgeschichte
... Natürlich unterscheidet sie sich von den meisten traditionellen Ursprungserzählungen. Was zum Teil daran liegt, dass sie nicht einer bestimmten Region oder Kultur zu verdanken ist, sondern einer globalen Gemeinschaft von mehr als sieben Milliarden Menschen, daher bezieht sie ihr Wissen aus allen Teilen der Welt. Sie ist eine Ursprungserzählung für alle modernen Menschen, und sie stützt sich auf die globalen Traditionen der modernen Naturwissenschaft. Anders als viele traditionelle Ursprungserzählungen weist die moderne Version keinen Schöpfergott auf, obwohl ihre Energien und Teilchen nicht weniger übernatürlich erscheinen als viele traditionelle Ursprungsgeschichten. Wie in den Erzählungen des Konfuzianismus oder des frühen Buddhismus geht es in der modernen Ursprungsgeschichte auch um ein Universum, das einfach ist. Jeder darüber hinausgehende Sinn oder Zweck wird ihm von uns Menschen zugeschrieben. »Was ist der Sinn des Universums?« fragt Joseph Campbell, ein Mythenforscher und Religionswissenschaftler. »Was ist der Sinn eines Flohs? Er ist einfach da, das ist es; und das ist auch sein Sinn, einfach da zu sein.«4 Die Welt der modernen Ursprungserzählung ist instabiler, unruhiger und weit größer als die Welten vieler traditioneller Ursprungsgeschichten. Diese Eigenschaften verweisen auf die Grenzen der modernen Ursprungsgeschichte.

 

Obwohl von globaler Geltung, ist sie noch sehr jung, gewissermaßen im Rohzustand, mit einigen blinden Flecken der Jugend. Sie entwickelte sich zu einer ganz bestimmten Zeit in der menschlichen Geschichte, daher ist sie von den dynamischen und möglicherweise destabilisierenden Traditionen des modernen Kapitalismus geprägt. Das erklärt, warum sie in vielerlei Hinsicht die nötige Sensibilität für die Biosphäre vermissen lässt, die wir von den Ursprungsgeschichten indigener Völker überall auf der Erde kennen. Das Universum der modernen Geschichte ist ruhelos, dynamisch, in Bewegung und riesig. Der Geologe Walter Alvarez erinnert uns daran, indem er fragt, wie viele Sterne es enthält. Die meisten Galaxien umfassen etwa 100 Milliarden Sterne, und es gibt mindestens ebenso viele Galaxien im Universum. Daraus folgt, dass es (tief Atem holen!) mindestens 10.000.000.000.000.000.000.000 (1022) Sterne im Universum gibt.5 Ende 2016 haben neuere Beobachtungen gezeigt, dass es wohl sehr viel mehr Galaxien im Universum gibt – Sie dürfen also gern noch ein paar Nullen an diese Zahl dranhängen. Unsere Sonne ist nur ein ganz gewöhnliches Mitglied dieser riesigen Gruppe. Die moderne Ursprungsgeschichte ist keineswegs vollständig. Sie befindet sich noch im Bau. Neue Abschnitte müssen hinzugefügt, bereits vorhandene Teile überprüft und abgeändert, Gerüste und Abfallhaufen entfernt werden. Und es gibt noch immer Lücken in der Geschichte, daher wird sie – wie alle Ursprungserzählungen – niemals den Nimbus des Geheimnisses und der Erhabenheit verlieren. Doch in den letzten Jahrzehnten haben wir das Universum, in dem wir leben, sehr viel besser kennengelernt, ohne dass es sein Geheimnis verloren hätte, ganz im Gegenteil. Bei Blaise Pascal lesen wir: »Wissen ist wie eine Kugel. Je größer das Volumen, desto stärker der Kontakt mit dem Unbekannten.« Die moderne Ursprungsgeschichte berichtet von dem Erbe aller Menschen und kann uns daher auf die großen Herausforderungen und Chancen vorbereiten, denen wir uns alle an diesem entscheidenden Punkt in der Geschichte des Planeten Erde gegenübersehen.

 

Im Zentrum der modernen Ursprungsgeschichte steht die Idee wachsender Komplexität. Wie entstand unser Universum, in dem wir mitreisen, und wie brachte es zunächst Elemente und irgendwann Schnabeltiere hervor? Wir wissen nicht wirklich, woraus sich das Universum gebildet hat und ob es vor ihm schon irgendetwas gab. Aber wir wissen, dass unser Universum, als es aus einem riesigen Energieschaum hervorging, außerordentlich einfach war. Und Einfachheit bleibt auch seine Grundbedingung. Schließlich ist es größtenteils ein kalter, dunkler und leerer Raum. Trotzdem herrschten in speziellen und ungewöhnlichen Umwelten, wie auf unserem Planeten, vollkommene Goldilocks-Bedingungen, die wie der Brei in der gleichnamigen angelsächsischen Kindergeschichte sind: nicht zu warm und nicht zu kalt, nicht zu dick und nicht zu dünn, sondern genau richtig für die Entwicklung von Komplexität. In diesen Goldilocks-Umwelten sind im Laufe von vielen Milliarden Jahren immer komplexere Phänomene in Erscheinung getreten, mit mehr beweglichen Teilen und unübersichtlicheren inneren Beziehungen. Komplexere Phänomene traten an entscheidenden Übergangspunkten auf, und die wichtigsten von ihnen werde ich als Schwellen bezeichnen. Die Schwellen geben dem komplizierten Narrativ der modernen Ursprungsgeschichte eine Struktur. Sie verweisen auf wichtige Wendepunkte, an denen bereits vorhandene Dinge neu angeordnet oder auf andere Weise verändert wurden, sodass etwas Neues mit »emergenten« Eigenschaften entstand – Besonderheiten, die es vorher noch nie gab. Das frühe Universum hatte keine Sterne, keine Planeten und keine lebenden Organismen. Dann wurden aus Wasserstoff- und Heliumatomen Sterne gebildet, im Inneren sterbender Sterne entstanden neue chemische Elemente, Planeten und Monde bildeten sich mit Hilfe dieser neuen chemischen Elemente aus Eis- und Staubklumpen, und die ersten lebenden Zellen entwickelten sich in den vielfältigen Umwelten felsiger Planeten.

 

Wir Menschen gehören unmittelbar zu dieser Geschichte, denn wir sind Produkte der Evolution und Diversifizierung des Lebens auf dem Planeten Erde. Doch im Laufe unserer kurzen, aber bemerkenswerten Geschichte haben wir so viele vollkommen neue Formen der Komplexität geschaffen, dass wir heute die Veränderung auf unserem Heimatplaneten zu beherrschen scheinen. Das Auftreten von neuen Phänomenen, die komplexer sind als das, was vorher war, von Phänomenen mit emergenten Eigenschaften, wirkt stets so wundervoll wie die Geburt eines Kindes, weil das Universum im Allgemeinen die Tendenz hat, weniger komplex und ordentlich zu werden. Schließlich wird diese Neigung zu wachsender Unordnung, zu Entropie, die Oberhand gewinnen. Das Universum wird in zufälligem Durcheinander ohne Muster oder Struktur versinken. Doch bis dahin ist es noch ein sehr, sehr weiter Weg. Derzeit scheinen wir in einem kraftstrotzenden, jungen Universum voller Kreativität zu leben. Die Geburt des Universums – unsere erste Schwelle – ist so wundervoll wie alle anderen Schwellen unserer modernen Ursprungsgeschichte. 

ZEITLEISTE 

Diese Zeitleiste liefert einige fundamentale Daten für die moderne Ursprungsgeschichte, teils in absoluten Daten, teils in umgerechneten Werten, als sei das Universum nicht vor 13,8 Milliarden Jahren, sondern vor 13,8 Jahren entstanden. Dieser Kunstgriff erleichtert es uns, ein Gefühl für die chronologische Struktur der Geschichte zu bekommen. Die meisten der Daten von Ereignissen, die länger als ein paar Tausend Jahre zurückliegen, sind erst in den letzten fünfzig Jahren mit Hilfe moderner chronometrischer Techniken, vor allem der radiometrischen Datierung, ermittelt worden.

 

Christian, David (2018-07-22T23:58:59). Big History: Die Geschichte der Welt - Vom Urknall bis zur Zukunft der Menschheit (German Edition) (Kindle-Positionen210-270). Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG. Kindle-Version.